Gestern sollte der Fuji-san, der höchste Berg Japans und im Westen oft fälschlicherweise Fujiyama genannt, bestiegen werden. Dabei beginnt man im Regelfall - wie wir auch - in Höhe von etwa 2.300 Metern, um die 3.776 Meter Gesamthöhe zu erklimmen. Die Besteigung erledigt man nachts, um den Sonnenaufgang von der obersten Station erleben zu können. Obwohl die Tour von vielen Menschen unterschiedlichen Alters und Fitness unternommen wird, ist sie gerade wegen der dünnen Luft in der Höhe und des knackigen Anstiegs auf den letzten Höhenmetern kein Kinderspiel.
Zu Beginn waren wir alle vier noch guter Dinge:

Es lässt sich auf den ersten Blick eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bezüglich der Kleidung erkennen - spack und superspack.
Während Freddy und Lars noch aussahen, als könnten sie in der Gesellschaft außerhalb der Wanderer mit ihrer Ausrüstung unter Umständen akzeptiert werden, hätten Marina und ich keine Chance gehabt. Marina hatte sich modisch vollendete Regenkleidung geborgt. Ich hatte mir meine komplette Laufausrüstung schicken lassen, eine Kniestütze geliehen und hier noch spottbillig ein farblich aufeinander abgestimmtes Set atmungsaktiver Regenjacke und -hose erstanden. Bin aber sicher, die Regenjacke in die Hose zu stecken wird der Trend des nächsten Herbstes. (Anders pfiff einfach zu viel Wind hindurch.)
Wie dem auch sei, Lars und Freddy haben gleich am Anfang Gas gegeben und Marina und mich (habe meine Geschindigkeit angepasst) abgehängt. Nachdem Marina nach etwa 200 zurückgelegten Höhenmetern schon erste Zweifel an ihrem Fortkommen anmeldete, musste ich den grossen Motivator auspacken, denn Zurücklassen auf irgendeiner Hütte und nach sieben Stunden wieder abholen war nicht diskutabel. Somit schleppte ich von diesem Zeitpunkt an zwei Rucksäcke und habe für gute Stimmung gesorgt.
Das Wetter war zuerst besser als vorhergesagt. Unabhängig von der Höhe sollte es ein paar Wolken sowie leichten Niederschlag geben, da ein Taifun sich in sicherer Entfernung herumtrieb und dies seine Ausläufer waren. Im unteren Drittel der Strecke war es glücklicherweise trocken und fast wolkenlos. Danach wurde es jedoch schlechter und schlechter und schlechter.
Freddy und Lars warfen im Laufe des Aufstieges das Handtuch, sie waren zu nassgeschwitzt und dadurch zu ausgekühlt, um weiterzulaufen. Marina und ich hatten damit keine Probleme - der Funktionskleidung sei Dank! Ebenso konnten wir noch unsere letzten Reservern aktivieren. Die letzten 200 Höhenmeter nach dem höchsten Zwischenstop haben wir noch mal alles gegeben. Der Wind blies mittlerweile so stark, dass ich diese letzte Strecke hinter der wieder selbst ihren Rucksack tragenden Marina ging, um sie bei starken Windböen stützen zu können. Für die nächste Tour de France bin ich schon angemeldet. So ein Höhentraining macht mir keiner nach. Ausserdem gibt es ja keine Konkurrenten mehr ;-)
Die obige Ankunft gestaltete sich als wundersamer Beweis der inneren Uhr.

Nahezu zeitgleich mit dem Sonnenaufgang und nach sechs Stunden Wandern mit eisernem Willen traten wir durch das letzte Tor. Vom Sonnenaufgang war leider wegen Regen, Wind und sogar ein wenig Schnee kaum etwas zu sehen. Eine gefühlte Temperatur von -93°C tat ihr übriges.
Hier die besten Fotos, die man mit zitternden Händen machen kann:



Auf der obersten Station wurden wir darüber aufgeklärt, warum sich die Wetterverhältnisse so dramatisch verschlechtert hatten. Der Taifun hatte es sich anders überlegt und wollte Fuji-san ebenfalls einen Besuch abstatten...
Hier ein Wetterbeispiel:

Dies hieß beeilen beim Abstieg. Also wieder die bekannte Lastenverteilung (komisch, dass mein Nacken so verspannt ist) und losstapfen. Die schönsten Fotos vom Abstieg:



Unten angekommen und völlig durchgefroren haben wir Freddy und Lars an unserem Mietwagen getroffen. Das nächste Ziel war ein
Onsen, um uns wieder aufzuwärmen.
Sollte ich irgendwann zum Aussteiger werden, weiss ich nun,
Sherpa zu werden ist eine mögliche Alternative für mich. Hoffentlich bleiben Muskelkater und weitere Verspannungen aus.
Wie dem auch sei - wir waren ganz oben!
Otsukare sama deshita!!